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Back on deck – mit viel Gefühl und Düsenantrieb

Fortuna Ehrenfeld, das waren jetzt 10 Jahre Vollgas auf kleinen und großen Bühnen, in vollen und leeren Clubs, in Fan-Wohnzimmern und der Hamburger Elphi, im Weingut und im Park – und natürlich im Studio für eine stolze Zahl von Tonträgern in der Diskographie.

Vergangenes Jahr dann eine bewusst verordnete, verdiente Bandpause zum Verschnaufen. Eigentlich. Die Geschäftigkeit ließ irgendwie doch nicht nach. Und die Kreativität auch nicht. Was für ein Glück! 

War da also überhaupt eine Pause? Martin Bechler spielte Solokonzerte und eine Reihe elektrisierender „Erfolgsliteratur meets Pop“-Gigs mit der Bestseller-Autorin Romy Hausmann. Für sie und mit ihr hatte er zuletzt den bittersüß-rauhen Gedichtband „Princess Standard“ und den Thriller „Himmelerdenblau“ vertont und mit viel Wucht auf die kleineren Musikbühnen des Landes gebracht.

Gegen Ende des Jahres 2025 folgten die krachende Eroberung der Kölner Philharmonie wieder mit der Band, an gleich zwei Abenden hintereinander und die traditionellen „Stille Nacht“-Jahresausklangskonzerte in der Kulturkirche in der Fortuna-Heimatstadt. Und zu Weihnachten – wie Kai aus der Kiste – das dritte Livealbum, diesmal solo aus dem St. Pauli-Theater.

Kein Pensum für einen, der auszog, um sich neu zu erfinden? Offensichtlich gerade das!
Denn zwischen Solo, Band und Lit-Pop schüttelte der Kölner Tonproduzent einfach so das nächste Album aus dem Ärmel. Zwölf Songs gepflegten Wahnsinns und tiefster Seelenstreichelei. Wie das Vorgänger-Album „Universum“ finanziert über eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne bei Startnext. Wie jedes Album davor, ist auch dieses stilistisch nicht im Mindesten auszurechnen gewesen.

Originalbesetzt zu Tonträger Nr. 14
Was die Besetzung der Band angeht, geht es very back to the roots: Es ist wieder die Ur- und wohl auch Idealbesetzung des Bechlerschen Bandprojekts am Werk – mit Jenny Thiele (Tasten, Gesang) und Jannis Bentler (Schlagzeug und andere Effekte) an seiner Seite. Das Trio ist im blinden Verständnis zu- und füreinander eingespielt, eine kreative und achtsame Gruppe, unaufgeregt-harmonisch im Einklang. Und diese Qualitäten hört man dem neuen Werk auch an.
  
„Life at the Hollywood Bowl“ gibt allen Ideen und Spleens des inhaltlichen Masterminds Freiraum, aber auch den musikalischen Stärken der beiden anderen. Und so wechseln einmal mehr verspielte wummelige Elektronik-Beats voller Ton-Gimmicks und angepoppter Indie-Rock mit ruhigen Songwriter-Miniaturen, denen die herzgebrochene Stimme und ein reduziertes Piano ausreichen, um richtig Eindruck zu machen. 

Zusammen mit den so schrägen wie lebensehrlichen Texten ergibt das gut 40 Wohlfühlminuten für Kopf, Herz, Kreislauf, Beine. Ein gesundes Kontrastprogramm, das Ticket für einen kurzen Ausbruch aus dem täglichen Irrsinn der echten Welt. So weit, so Fortuna.
   
Was ist drauf und dran?
Es geht nicht um Perfektionismus, jedenfalls nicht jenen, der perfekt geleckt und gelackt erscheint. Auch Unperfektes findet auf die Platte. Und wird damit auf eine andere Art perfekt. Denn wenn unperfekt sich so unperfekt bemerkbar macht, ist es schon fast wieder ein perfektes Stilmittel – und der Wink des Künstlers, nicht alles auf die Goldwaage zu legen, selbst wenn er meint, was er singt oder so tut, als ob ihm nicht nah geht, was er schreibt und singt. 
 
„Live at the Hollywood Bowl“ zitiert – natürlich – einmal mehr aus der Musikgeschichte. Angefangen beim unbescheidenen Titel der Platte, die namentlich engstens an eine berühmte Live-Veröffentlichung der Beatles andockt (und einige weitere, die dort gespielt und entsprechende Livealben veröffentlicht haben). Viel mehr offensichtliche Verbindungen dazu gibt es allerdings nicht, zumal Fortuna Ehrenfeld hier keinen Livegig wiedergibt und glücklicherweise auch auf Tinitus förderndes Kreischen von begeisterungsfähigen weiblichen Fans verzichtet, das die Beatles-Liveeinspielung von anno dunnemals begleitet. Und natürlich ist da der feine Unterschied zwischen "Life at..." im ersten Song auf der Platte und "Live at..." im Albumtitel, aber das tut auch nichts zur Sache. 

Bechler, Thiele, Bentler bieten an, was man von ihnen erwartet. Und was man nicht erwartet. Und noch mehr. Nur sollte und darf man sich bei Fortuna Ehrenfeld nicht immer auf den ersten Eindruck verlassen. Und das ist das chamäleonische Phänomen dieser Band. Es gibt Lieder, da klackert es sofort und man ist schockverliebt. Und es gibt die anderen, die mühelos die Stirne runzeln lassen können und mehrere Anläufe und das Umfeld der übrigen Stücke brauchen, bevor sie doch im Ohr ankern und: funktionieren.  


Frage deshalb an Martin Bechler: „Wie dirigierst du eigentlich dieses Ehrenfelder Allerlei, was aus deinem Kopf purzelt, nur immer so, dass man beim ersten Hören denkt: Was soll das denn jetzt werden? Und nach zwei weiteren Durchläufen passt das plötzlich alles wie so ein Ravensburger Puzzle perfekt in- und zueinander???“ Antwort des Künstlers: „Hihihi.“

 

Wie dem auch sei. Für die ersten drei Stücke braucht es vielleicht etwas Geduld. Frischlingen im Fortunauten-Universum sei aber versprochen: Es lohnt sich. Wirklich!!! Danach gleitet die Musik wie Butter durch den Ohrwurmteil des Gehirns. Und ab geht die Fahrt!

 

Stück für Stück
An dieser Stelle folgt deshalb eine unverbindliche Sezierung der Vinyl-Sahnetorte, Stück für Stück.

Life at the Hollywood Bowl: Das Titelstück ist ein typisches mehrdimensionales Fortuna-Stück, das auf ein neues Abenteuer mit der Band einschwört. Rätselhaft zusammengedrehte Lyrics ohne engeren Zusammenhang, aber mit tieferem gesellschaftskritischem Metatext, dazu eine tanzbare Unterlage mit einigen dramaturgischen Brüchen. Ein Kleinod der Kleinkunst der deutschen Kleinkunstpreisträger des Jahres 2024, denn der Bezug zum Beatles-Vorbild ist trügerisch. Wie bei Bohemian Rhapsodie von der Platte „Solo I.“ wird hier eben keine Parallele zum berühmten Pendant aufgezogen, sondern ein kleiner aufmunternder Gruß schabernackend in die Welt der Pop-Heroen geschickt.

 

Internet zerf*cken: Ein tief in die Elektronikkiste gegriffenes eingängiges Synthiebrett, mit dem man sich – herrlich mitgroovend – von der Abscheu gegenüber Rants und Verirrungen der asozialen Medien zu einer beschwingten Laune herunterfahren könnte. Vier Worte, zwei Zahlen, Kraftwerk- und NDW-Vibes mit einem brachialen Tanzsoundteppich belegt – fertig ist die Hymne. Natürlich hätte man auf das F-Wort verzichten können, das jetzt alle Fans wieder immer mitsingen müssen – und stattdessen „stricken“ einsetzen. Aber warum auch. Das war weiland schon beim „analogen Mädchen“ nur die jugendfreie Version, wenn Kinder im Raum waren. 


Ciao Kakao: Ich gebe zu, das habe ich nicht kommen sehen. Nach dem ersten Hören wäre das Lied für mich unter den 12 Songs der heißeste Kandidat für die Auswechselbank gewesen. Das schlechte und heute eigentlich nur noch ironisch zu verwendende Gruß-Wortspiel, das dem Stück den Namen gibt. Der betonte Schlager-Harmonikabeat mit Alleinunterhalter-Bontempi-Orgel-Charme von der Goldenen Hochzeit von Gerdi und Lilo – puh. Dass man es trotz der sich in die musikalische Stimmung vordergründig harmlos einschmiegenden Lyrics nicht als übermütiges Lalala einordnen darf, liegt am Subtext. Der erschloss sich mir durch ein leises Flüstern von der Seite. Schlüssel dazu sind die verräterischen „weißen Lügen“ im Text. Sie stehen für die kleinen Unwahrheiten, die wir alle kennen und nutzen, um Konflikte zu umschiffen oder Gefühle zu schonen. Dauerhaft angewendet vergiftet es aber jede Freundschaft. „Keine weißen Lügen mehr“, fordert der Song. Im übertragenen Sinn ist „Ciao Kakao“ also musikalische Aufforderung, die Ehrlichkeits- und Wahrheitsverträglichkeitsmuskeln zu trainieren und zu falschen Komplimenten „Tschüssikowski“ zu sagen. Ganz nach dem Credo der Band – „protect the ones you love“, nur aufrichtig und ernstgemeint.

 

Slowly fades away: Ein Mann setzt sich ans Klavier, hält kurz inne, seufzt und fängt an zu spielen, eine wehmütige kleine Melodie nur. Er beginnt zu singen, zu sprechen, ein sehnsüchtig-desillusioniert verliebtes Gedicht schmiegt sich an – über das, was man liebt, was sich vor einem ungewollt auflöst, was man festhalten möchte und was weg kann. Passanten formen einen Chor und stärken dem Pianomann den Rücken: „Spread your wings and fly“, wir wissen schon und sind mittendrin. Nein, es ist nicht Tom Waits, aber weit weg ist er auch nicht.

Ray of fukin‘ sunshine: Wenn man über Fortuna Ehrenfeld spricht, dann meist über Martin Bechler. In diesem (nach meiner Zählung) ersten komplett englischsprachigem Lied mit mehr als zwei Zeilen Text in der Fortuna-Plattengeschichte kommt aber auch der wunderschönen Stimme von Jenny Thiele eine Hauptrolle zu. Sie bringt das stimmige Duett mit dem Leadsänger erst so richtig zur Geltung. Und weil es eine in seiner Lebensfreude ansteckende Liebeshymne ist, passt auch der vom simplen Drumcomputer vorgegebene bossanova-getriebene Kinderreim-Refrain so gut in die Songlandschaft. Wer da keine gute Laune bekommt, nun ja.

Bosch Blau: Ein Meisterstück von Bechler-Ballade: Einfache Botschaft („Ich reparier‘ dein Herz Bosch blau“), ergreifend und in seiner liebevollen Herzigkeit ansteckend. Wäre Fortuna Ehrenfeld eine Kirche und sänge der Maestro dort sonntags dieses Lied, alle würden in der Woche drauf wiederkommen, um sich eine neue Portion Zuversicht in einer verqueren Welt abzuholen. Es. Ist. Einfach. Schön. Amen.

I wanna misbehave: Ein sich in Vehemenz und Geschwindigkeit aufs Gröbste steigernder Punkparty-Abzählreim mit Suchtpotenzial und ein rasch zu erobernder Gipfel dieser Platte. Es wäre vielleicht der erste Song dieser Band mit internationalem Hitpotenzial, weil englisch und weil schön eingängig – ja, wenn es denn noch Radiosender gäbe, die ein mutiges Herz fürs Abseitige hätten. Stammte der Song aus der Feder der Toy Dolls, niemand würde sich wundern. Mit einer freudig-frech zum Widersetzen auffordernden Kernaussage ausgestattet, in die man gern einstimmt, ist das Lied vom Danebenbenehmen natürlich ein absoluter Knaller für die anstehende Konzertsaison mit Fortuna.

Märklin: „Marie, ich dacht’ die ganze Zeit, ich bin im Kino / und jetzt sagen die, das alles sei real“: Ein schmerzdurchzogener Kurzroman in Moll, ein aus der Bahn gelaufenes Leben und eine ebensolche Liebe, voller getäuschter Hoffnungen und Erinnerungen, mit großartiger Lautmalerei, Trombone und Becken, illustriertes großes Kino. Von der Erzählweise eher Kleines Fernsehspiel, mit sedierter Dramatik, eine fast fröhlich erzählte Geschichte aus dem Leben. Will man immer in der Startelf haben, auch wenn es manchmal weh tut.

Ich trag so viele Bilder: Eine klassische Gitarrenballade mit ungewöhnlich glattgehobelter Liedstruktur und einem rätselhaften Text, der Bitterkeit schmeckt und doch zugleich auch Süße gibt. Ein betont entspannter Chanson, der dunkle Gedanken andeutet. In jedem Fall ein wahnsinnig inniges Duett, emotional und technisch auf den Punkt. 

Unfug the world: Das ruhige Stück wird brachial abgelöst durch eine unwiderstehliche Uptempo-Zappeltanzaufforderung mit dem wenig dezenten Hinweis, gefälligst auch ein bisschen die Welt zu retten, ohne dabei draufzugehen. Den Wortspielpreis gewinnt dieses Lied auch, nicht wegen der Diskrepanz zwischen dem geschriebenen „Unfug“ und dem gesungenen F-Wort mit ck, sondern mit dem ab sofort gesetzten feststehenden Begriff „The unpredictable beauty of Übergangsjäckchen.“

Kleines Herz: „Mein kleines Herz passt 1.000 Mal in deins.“ Kann man süßere Liebesknochen verteilen? Die Band taucht eine der reduziertesten, zugleich wunderschönsten Liebeserklärungen in ein betörendes Klavierstück, die sich schließlich um einen emotional entzündeten Herzschlag herum steigert, am Ende ganz ohne Worte beschwingt auf den Höhepunkt zusteuert, um dann mit Auslaufen der Musik umarmt in die Kissen zu sinken. Hach!

Makelloses Fieber: Ein Lied vom (mit-)leiden, heilen, loslassen, lieben und erinnern, das bei vielen sicherlich mühelos die eine oder andere Träne aus den Säcken zu locken vermag. Es spricht für sich selbst: „Dann ruht deine Welt / Dann ist alles still / Alles wird jetzt gut / Manchmal ist’s zu viel // Klapperbein und beten / Mittelmonster töten / Steine auf dem tiefen Grund / Bald bist du gesund // Hände warm und gut / Makelloses Fieber / Alles geht vorbei / Alles geht vorbei.“

Und was jetzt? Man kann kaum behaupten, dass man das, was in Zitaten oder stilistisch-instrumentellen Anleihen in dieser Ehrenfelder Hollywood Bowl steckt, so oder ähnlich noch nie gehört hätte. Fortuna Ehrenfeld macht in dieser Hinsicht nicht einmal vor Fortuna Ehrenfeld Halt. Aber: Bei aller Wiedererkennbarkeit in der Musik der Band hat man von dem ganzen neuen Bums doch noch nichts SO gehört.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, bedauern oder beklatschen: Auch diese Platte ist sehr, sehr gut. Wer das nicht versteht, versteht mich einfach nicht. Und jetzt ab in die Fortuna-Konzerte. Denn erst da versteht man, worum es im Leben wirklich geht.