Fortuna Ehrenfeld löst ein Crowdfunding-Versprechen ein und macht eine exklusive Platte, die dann doch mehr Publikum verdient hätte
Soll man überhaupt über eine Platte schreiben, die man gar nicht im Shop des Vertrauens kaufen kann? Das ist eine abwägenswerte Frage, deshalb habe ich mich erst nach längerem Zögern dafür entschieden. Fortuna Ehrenfelds „Revolution“ ist nämlich mehr oder weniger exklusive Privatsache.
Warum? Weil es sie bisher nur ein einer recht kleinen Auflage zu einem stolzen Crowdfunding-Beitrag von 85 Euro zu erwerben gab und im Nachgang nun noch ein paar wenige überzählige Exemplare am Merchstand bei Konzerten über den Ladentisch gehen werden. Es gibt keine CDs, keine mp3s, kein Streaming – zumindest noch. Denn wer weiß, ob sich diese Exklusivität in der doch stark gewachsenen Fortuna-Fangemeinde langfristig halten lässt.
Einerseits ist darüber schreiben also so, als ob man anderen eine lange Nase dreht, weil man ihnen das letzte Eis (oder etwas anderes Begehrenswertes) vor der Nase weggekauft hat. Andererseits hat gute Musik es nicht verdient, totgeschwiegen zu werden. Also sorry an die, die vielleicht leer ausgehen. Ich schreibe trotzdem über diese Neuerscheinung. Macht das Beste daraus. Und ich ermutige die Band dazu, das Exklusivitätsversprechen zu brechen, obwohl es gegenüber den Crowdfundern nicht ganz fair wäre.
Da ich das Crowdfunding für „Live at the Hollywood Bowl“ unterstützt und mich voller Vertrauen für diese relativ unbestimmte Gegenleistung entschieden habe, ist die „Revolution“ jedenfalls bei mir vor kurzem eingezogen. Knallgrünes Vinyl, schlichtes Design mit geteilt schwarzweißem Cover, ein Beiblatt mit den Texten der 12 Songs und den Credits. Das wars.
Was also ist das Konzept dieser außerplanmäßigen Schallplatte? Ich mache es mir einfach und zitiere Martins Bechlers Text aus dem Crowdfunding:
„Für mich ist der schlimmste Moment immer, wenn der Tag gekommen ist, wo man entscheiden muss,
was von den vielen erarbeiteten Skizzen, Demos und Mutproben dann final auf die Platte darf und was nicht.
Diesmal reißen wir die Schränke auf und zeigen euch genau das. (…) Das ist der Blick ins Chaos. Kein polierter Hochglanz, sondern echtes Fortuna-Ehrenfeld-Rohmaterial – so, wie es riecht, klingt und stolpert.“
Spoiler: Ganz so ist es nicht geworden. „Revolution“ ist in manchen Teilen vielleicht roh und nicht marktgerecht geschliffen, aber es ist nichts Unfertiges. Die Band kippt nicht einfach nur das, was aus den Schränken quillt, auf einen Haufen und sagt: Macht damit, was ihr wollt. Sie folgt einer klaren Idee, wie jede andere Fortuna-Platte auch. Es ist nicht aufpoliert, aber glänzt aus dem Inneren heraus – wie so vieles im Fortuna-Kosmos, und da spreche ich nicht nur von der Musik, sondern von Sein, Einstellung, Werten, vom Handeln, Können, vom zulassen, Trost geben, motivieren, mitreißen, aufbauen, niederreißen and much more. Doch ich schweife ab.
Versprochen: Auf „Revolution“ gibt es keine Resterampe zu bestaunen, das sind wie von Martin Bechler angekündigt alles ausgewachsene Songs, die es nur nicht ganz bis oben geschafft haben und deshalb zunächst auf der Ersatzbank blieben. Was nicht heißt, dass sie nicht genauso gut wären wie die bereits veröffentlichten Songs. Was hier bewiesen wird. Logisch eigentlich: Kein Musiker lässt guten Gewissens etwas in Vinylscheiben pressen, hinter dem er nicht 100prozentig steht. Es sei denn, er braucht dringendGeld, ist tot oder hat keine Rechte mehr daran. Oder mehreres davon. Auf Martin Bechler und seine Bandkollegen Jenny Thiele und Jannis Bentler trifft nichts davon zu (glaube ich recht sicher vielleicht zu wissen).
Für die, die der Band schon länger folgen, ist die Platte deshalb auch kein Sprung ins Ungewisse. „Revolution“ malt vielleicht mit anderen Bildern, Tönen und Texten, folgt aber dem über die Zeit entwickelten einzigartigen Fortuna-Sound, der zwischen entkernter Klaviersonate und bewegungsanimierendem und bisweilen übermütigem Elektronik-Pop eine sichere Heimat gefunden hat. Natürlich kombiniert mit Martin Bechlers eigenwilligem Lyrikstil, der kaleidoskopartig immer wieder neue Sprachbilder oder Zeilen schöpft, verwürfelt, zusammensetzt und neu entstehen lässt.
Kein Wunder, schließlich waren auch diese Stücke und Songskizzen Teil des Werdensprozesses einer Fortuna-Ehrenfeld-Veröffentlichung. Insofern ist es etwas schade, dass zu den Liedern nicht etwas mehr Kontext gegeben wird – wann entstanden, wann eingespielt und vielleicht auch: warum nicht in der ersten Reihe der Fortuna-Songs angekommen?
Manches kann man als Fan ungefähr einordnen, weil bekannte Lieblingsmotive, Zeilen, Zitate oder Wörter einem auf „Revolution“ wieder begegnen. Demzufolge wären die meisten Stücke den neueren Aufnahmen zuzuordnen. „Wir woll’n die ganze Welt in Schönheit sterben seh’n („Die Polyinvasiven“) ist zum Beispiel eine leichte Abwandlung einer Zeile im Titelsong der „Hollywood Bowl“-Platte. In „Ich bin frei“ ploppt der wohlbekannte Refrain „Gnadenlos romantisch / ahnungslos verliebt / Lang genug gebettelt / um Blamage und Talent“ aus dem Titelstück von „Helm ab zum Gebet“ (2019) auf – allerdings auch „Issos Keilerei“ aus „Makelloses Fieber“ vom aktuellen Album. Es gibt zahlreiche weitere Anspielungen und Zitate aus anderen Fortuna-Stücken zu entdecken, also für Fans eine nette kleine Zusatzaufgabe.
„Cognac für die Huren“ wiederum klingt allein stimmlich nach den Fortuna-Anfangsjahren – und es ist grandios. Man kann darauf wetten, dass das Licht der Welt wirklich nicht begeistert ist, dass es dieses Lied erst jetzt erblicken durfte. Das allerdings gilt nicht nur für ein Stück auf diesem Tonträger, deshalb hier ein völlig subjektiver Schnelldurchlauf durch das Dutzend Songs dieser „Revolution“.
Rabenflügel
Ein klassisches Solostück, wohlbekannt in Art, Tempo und Gesang. Lyrisch eher schwer, ein bisschen sakral, durch die Melodie dennoch leichtfüßig voranschreitend. Irgendwie ein so schmerz- wie liebevolles, fröhlich-schwarzes Lied mit atemberaubenden Zeilen. „In deinen kachelwarmen Händen will ich bluten / In deinen Armen will ich lieben, wurm und klein / Ich zähl die dunklen Tage gegen alle guten / in deinem Fleisch will ich heut Nacht begraben sein.“
Me fall like rain
Etwas rätselhafter Titel, dumpfer Beat, entspannte Melodie, einige Lagen Hall. Der leicht atemlose Sprechgesang verordnet Tanz und gute Laune und erinnert dabei ein wenig an „Heiliges Fernweh“. Doch dann nimmt das Lied an Spannung zu und steigert sich rein, auch durch Jenny Thieles Stimme, die wie in manchen ihrer Soloprojekte zum eigenen „Instrument“ hochgesampelt wird. Eine intensive Kurzreise, die erschöpft in die Stille ausläuft.
Die Polyintensiven
Whoopie whoopie! Die Aufzählung, was die Polyintensiven sind, machen und können, ist bis zur Ermüdung tanzbar – mit einer leichtmaschigen Textarchitektur, die einem auch bei eingeschränkter Aufmerksamkeit nicht entgleiten kann. So reduziert in der Machart, so typisch Fortuna. Ich liebe es und es ist natürlich ein Ohrwurm!
Göppingen
Grüße gehen raus ins Schwabenland! Ich war noch nie da, deshalb sage ich mal, dass das Städtchen mit etwas unter 60.000 Einwohnern bestimmt ganz schön ist. Aber es kann nicht mithalten mit dem gleichnamigen Stück auf dieser Platte. Dieses „Göppingen“ ist ein wortloses Klavierfeinstgebäck, das gefühlt mehrere Motive aus anderen Fortuna-Songs aufgreift, tief fühlen und entspannen lässt und mich daran erinnert, Martin Bechler daran zu erinnern, dass es Zeit wird für ein entspanntes Instrumentalalbum, das zwischen durstiger Kneipenballade und kleiner Nachtmusik mal eben die E- mit der U-Musik zu versöhnen versteht.
Ich bade meine Angst
Vielleicht das bewegendste und intimste Stück auf der Platte. Eine Gitarre, ein bisschen Pfeifen, eine Stimme, Alpträume, eine unglaublich schöne Liebeserklärung. Und ganz nebenbei wird hier die aus der schnelllebigen Zeit gefallene gute alte Liedermachertradition entstaubt, poliert und würdevoll aus dem alten Jahrhundert ins neue transformiert. Ein Muss für die nächsten Solokonzerte.
Nudeln mit Tomatensoße
Das einzige schon bekannte Lied (auf „Universum“ zu finden). Hier als nackte Soloversion, auf die das Etikett „roh und unpoliert“ noch am besten passt. Dargeboten live in einem Raum, in dem diese Ballade ganz tief atmen und sich entfalten kann. Für die Kölner Philharmonie scheint mir der Applaus am Ende zu schmal. Wenn ich spekulieren sollte, würde ich auf den kleinen Saal der Elbphilharmonie tippen. Aber vielleicht war es auch ganz woanders, was weiß ich schon.
Der kleine Kapitän
Noch ein Juwel, das ich gern schon früher entdeckt hätte. Wer sich noch nicht in Jenny Thieles Stimme verliebt haben sollte, wird spätestens hier ihrem Liebreiz nicht mehr widerstehen können. Das Lied hätte auch mit Martin Bechlers Stimme oder im Duett funktioniert. Doch hier ist Jenny mal allein der Star. Der Song ist gitarrenbegleitet und wird garantiert jedes Kind begeistern, schon allein für die Wortschöpfung „Landungsbrückentier“. Für Erwachsene bietet der Text einigen Interpretationsspielraum. Es ist ein Fernwehmeereslied, ganz klar. Es handelt aber auch davon, zurückzubleiben und darunter zu leiden. Und ganz spekulativ mein allererster Gedanke: Es ist eine wunderbare Chiffre für eine Zeit, die vielen von uns, besonders aber Künstlern bis heute nachhängt. „Und wie gerne würd‘ ich fahren / bis an der Horizonten Licht / Schau, die dürfen da raus / warum dürfen wir das nicht? / Schau, die fahr‘n wieder raus / dass mein Seemannsherz heut bricht.“ Wer könnte sich auch vorstellen, dass dieser Text mitten in der Coronazeit entstanden sein könnte?
Ausflug in den Club
Der zweite Ohrtanzwurm auf „Revolution“. Leicht redundanter Text, der sich festsetzt. Der Song „macht, was er soll“, nämlich gute Laune und lässt Körper und Geist easy ein bisschen freischütteln. Und überhaupt: „Das geht dub-di-dub-di-dubb“. Bekommt man so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Und das ist gut so.
Das Geräusch
Überraschung! Ein Gedicht. Mit etwas Klavierbegleitung, viel Wärme und einem abrupten Ende. Es ist keineswegs ein Lückenfüller, fügt sich aber bescheiden in seine Rolle zwischen zwei energetisch dominierenden Songs. Dabei glänzt es im Vorbeigehen, fast beiläufig, mit feinster lyrischer Klinge: „Ich mag das Geräusch / wenn du da bist und atmest / und da bist und atmest / und sonst ist da nichts.“
Ich bin frei
„Und das hat ganz schön gescheppert, aber jetzt ist es vorbei / ich bin frei, ich bin frei, ich bin frei.“ Was für ein toller Refrain, was für ein lebensfreundliches, aufbauendes und motivierendes Lied. Ein himmlisches Duett von Martin und Jenny (alias Bommel und Träubchen), das definitiv zum Dutzend der besten Fortuna-Songs gehört. Fortuna-Style pur, im Text wie im Musikalischen: „Ich will schweigen wie die Lämmer / und spazieren wie ein Pfau / Ich will frei sein und den Rest / weiß ich doch selber nicht genau“. Und ich? Ich bin verliebt in dieses Lied.
Ich mag mich fühl’n wie eine Taube
Eine Taube in ihrem Kosmos, dem Bahnhof. Verjagt, weggetreten, geschäftig, gechillt und sofort wieder in Habacht-Stellung. So empathisch beobachtet, dass man demnächst nicht mehr achtlos vorbeigehen wird an so einem Tier. Zugleich hält sie den Spiegel vor: „Mensch, du musst gesunden / weil du nicht nur gegen eine gute Taube / weil du auch gegen Menschen trittst.“ Eine moderne Fabel. Eine wunderschöne Wortschöpfung lässt die Taube durch ihr Revier „schlewandieren“. Und ein saustarkes, dramatisches Chanson mit klarer Botschaft, aber wie immer bei Fortuna Ehrenfeld ohne erhobenen Zeigefinger.
Cognac für die Huren
Wie gesagt, ich denke, dieses lakonische (Abschieds-)Lied wartet schon einige Jahre auf einen Platz im Rampenlicht. Für mich ist es eine der am stringentesten durcherzählten Geschichten aus Martin Bechlers Feder und eine wertvolle Entdeckung. „Wir gingen noch ‘n Stück in Richtung Bahnhof / und du sagtest nur: Ey, bleib so, wie du bist / Ich hab im kerzengraden Strahl ins Phrasenschwein gekotzt / und jetzt wart ich, dass du mich vergisst.“ Wer da nichts von wiedererkennt, war vielleicht nie jung und (un)glücklich ver- oder entliebt.
