„Seid laut in eurem Leben, seid laut hier auf der Reeperbahn, seid laut gegen alles, was unsere Demokratie bedroht – und seid laut mit mir heute bei diesem ersten Song.“ Das sind die ersten Worte auf Fortuna Ehrenfelds neuem Album „Solo live im St. Pauli Theater“.
Es ist zugleich so etwas wie die Gebrauchsanweisung für die Kunst und die Lebensauffassung des Martin Bechler. Und der Schlüssel für einen zu Herzen gehenden Abend auf dem Kiez, den man – auch
ohne dagewesen zu sein – mit diesem Konzertmitschnitt bis in den letzten Ton hinein nachempfinden und auskosten kann.
Der Erfinder und Kopf der einzigartigen Indiepop-Kapelle aus Köln ist zweifellos live ein guter Entertainer, eine Rampensau, da, wo es passt und ein witziger Erzähler. Doch auf dieser Platte geht
es nur um das, was Musik auslösen kann: die Welt für eine kurze Zeit zu einem besseren Ort zu machen. An einem magischen Abend in einem ehrwürdigen Theater mit langer Geschichte ist Bechler das
in aller selbst zugelassener Unperfektheit fast bis zur Perfektion gelungen. Und die Ausschnitte von diesem Abend zeigen, wie und warum.
Wer ergründen wollte, warum diese unrettbar fanatischen Fortuna-Ehrenfeld-Fans ihre Herzensband und vor allem Martin Bechler nicht nur bedingungslos ins Herz geschlossen haben, sondern auch bis
aufs Blut verteidigen würden, sollte eintauchen und sich einfach fallen lassen, in die zwölf Songs aus dem ausverkauften Konzert im imposanten St.Pauli Theater. 43 Minuten und 25 Sekunden lang
beliebig wiederholbare, ruhig atmende Lebensqualität. die man nicht mehr missen wollen sollte.
Neben den Volldampf-Konzerten mit der Band hat Fortuna-Ehrenfeld-Gründer Martin Bechler, Herz und Hirn des Projekts, in den vergangenen beiden Jahren eine Reihe von Solokonzerten gegeben. Ohne
Lametta und anderes wildes Schmuckwerk, das die Shows der Band sonst auszeichnet, werden die Songs solo ohne Chi chi auf ihren emotionalen Kern reduziert. Martin Bechler hat in diesem Format eine
Konzertatmosphäre gefunden, die seinen Liedern größtmöglichen Freiraum gibt, um sein Publikum liebevoll umarmen zu können. Das ist kein ausgefeilt durchgestylter Liederabend, routiniert
herabgeworfen von der Bühne zum Parkett. Es gleicht eher einer warmen Symbiose, in der Künstler und Besucher zu einer verschworenen Gang verschmelzen, die sich erst auflöst, wenn das Saallicht
unbarmherzig das endgültige Ende des Konzerts verkündet.
Es wird nicht aufgehübscht, kaschiert, geglättet. Martin Bechler steht zu den Holperern, die ein Liveauftritt bisweilen mit sich bringt. Ein kleiner Texthänger da, ein kurzer Hustenunterbrecher
dort, ein in der Tonhöhe korrigierter Refrain – das passiert nicht nur live. Es bleibt auf der Platte, hörbar, und es lässt die Lieder erst so richtig frei aufatmen. „It‘s no fault, stupid, it‘s
life.“
Vielleicht beschreibt das die Arbeit von Martin Bechler auch am besten. Es mag manchmal so klingen, aber es geht nicht um wiederholbare Perfektion, es geht um das, was wir sind - verletzlich,
zerbrechlich, fehlerbehaftet und einfach immer „mal so, mal so“. Um den Gefühlsausbruch, die Überwältigung, die in einen Moment Übermut ausbricht, um eine Träne, ein angefasstes
Durchpusten, das der Erhabenheit und dem Respekt gegenüber dem stillen Moment kurz eine Gestalt gibt. Und dann wieder freigewischt wird, mit dem nächsten Ton, dem nächsten Applaus.
Dass dieser Konzertmitschnitt so nahbar, so auf den Punkt wirkt, das hat auch viel mit dem Technik-Team zu tun, das um die Hauptperson herum seit Jahren außerordentlich gute Arbeit leistet. Das
war schon bei den Live-Veröffentlichungen aus der Kölner Philharmonie und Solo in der Kulturkirche in jedem Ton spürbar. Ein dichtes Klangerlebnis, aus dem technisch auch noch das intimste Detail
herausgearbeitet wird – das ist höchste Tonmeisterkunst.
Ich habe viele Lieblingsstellen, wo diese aufrichtige Klarheit hervortritt. Der tränentreibende Fortuna-Klassiker „Zwei Himmel“ fehlt zwar, doch Songs wie „Welt in Teile“ oder „Ich seh dich
überall“ machen das mehr als wett. Es geht aber nicht nur hoch emotional zu im St. Pauli Theater. In „Das Imperium schlägt zurück“ zeigt Mr. Solo-Bechler, dass mancher seiner Songs sowohl
Stadionrock-Hymne als auch verspielter Klavierchanson sein kann. Und die varieté-angehauchte Version von „Wir sitzen hier und schlabbern Aperol“ macht einfach nur Spaß.
Grandioser Schlusspunkt ist Bechlers Liebeserklärung an den Hamburger Kiez. „Auf St. Pauli ist der Abendstern gebor’n“ endet, wie sollte es anders sein, mit dem vielstimmigen Publikumschor im
Rücken und Standing Ovations als Belohnung. Wer da nicht wenigstens reinhört, will nicht glücklich sein, sondern nur sein Herz aus Stein retten.
Fortuna Ehrenfeld – Solo live im St. Pauli Theater, tonproduktion records (ab sofort digital, Vinyl ab 31.1.26, CD-Version am Merchstand der aktuellen Tour)
