Fast drei Jahre

Den folgenden Kommentar habe ich am 7. September 2015 geschrieben. Fast drei Jahre danach ist er so aktuell wie damals - und weiterhin gültig. Was sich seither in Deutschland und Europa stimmungsmäßig und in der Politik getan hat, darauf kann man nicht mehr so stolz sein.

 

Dieser Tage darf man stolz sein auf Deutschland. Ja, die Fußballer und die Basketballer schlagen sich ganz gut, die Leichtathleten überraschten positiv - aber das ist es nicht. Tausende Bürger haben am Wochenende mit unermüdlichem Einsatz auf vielen deutschen Bahnhöfen vorgemacht, wie man mit großen Herausforderungen umgeht. Man packt an und sitzt sie nicht aus. Tausende helfen seit Wochen und Monaten dort, wo die über Jahrzehnte kleingesparten Verwaltungen personell überfordert sind. Sie geben Geld, spenden Kleidung, verteilen Essen, lehren die Flüchtlinge ihre ersten deutschen Wörter und manche nehmen sie sogar bei sich in der Wohnung auf.   

 

Es mag etwas naiv anmuten, dass man Flüchtlinge am Bahnsteig mit Beifall begrüßt und sie hochleben lässt. Viele deutsche Vertriebene haben aus der Nachkriegszeit da auch noch andere Erinnerungen. Einen derartigen Empfang werden auch die heutigen Flüchtlinge wohl nicht erwartet haben. Aber es ist eine Übertreibung, die von Herzen kommt. Darin steckt einiges an Erleichterung - darüber, dass nach wie vor nur eine kleine Minderheit von unverbesserlichen Hetzern und den ihnen folgenden Hohlköpfen für die massive Ausländerfeindlichkeit verantwortlich ist, die im Internet oder in Anschlägen auf Flüchtlingsheime für hässliche Schlagzeilen sorgt.

 

Das andere Deutschland ist modern, aufgeklärt, ist hilfsbereit, menschlich, hat Herz und Verstand. Das heißt nicht, dass die von gewissen Kreisen abfällig Gutmenschen genannten Helfer realitätsfern sind. Denn auch wenn es zuweilen etwas übertrieben wirkt, wissen alle, die den Flüchtlingen Kleidung, Wasser, Essen bringen, dass sehr viele von ihnen nicht auf Dauer bleiben können und werden.

 

Die Menschen, die am Wochenende an den Bahnhöfen standen und auch die, die diese Szenen mit Freude am Fernseher verfolgt haben, wollen auch nicht, dass Millionen Flüchtlinge dauerhaft bei uns bleiben. Aber sie wollen, dass eines der wohlhabendsten Länder der Erde seine Pflicht tut und ihnen jetzt eine sichere Zuflucht bietet. Sie wollen, dass sich die Politik endlich mit voller Kraft um die Ursachen für die größte Fluchtbewegung seit dem zweiten Weltkrieg kümmert. Nicht mit Taschenspielertricks, mit denen man das Grundrecht auf Asyl für bestimmte Herkunftsländer faktisch abschafft, das Problem an die Außengrenzen der EU zurückschiebt oder im Land Stimmung gegen die Aufnahme von Menschen macht, die unsere Hilfe brauchen, weil sie sie woanders nicht bekommen. Natürlich: Lösungen für die Krisen in den Herkunftsländern zu finden oder legale und ungefährlichere Wege für die Flucht zu finden, das geht nicht so leicht von der Hand wie ein herzliches Willkommen am Bahnsteig oder ein paar Spenden. Deshalb  ist es so wichtig, dass die Regierung das Taktieren lässt, sich an den Bürgern ein Beispiel nimmt und die Probleme ohne Wenn und Aber anpackt.